Ladefreunde-Blog · Kolumne

Freiheit im Heizungskeller — wie Verunsicherung das fossile System rettet

30. Mai 2026 5 min Lesezeit Ladefreunde-Blog
Ältere wandhängende Junkers-Gastherme — das fossile Bestandssystem, das bei Verunsicherung einfach weiterläuft

Foto: wandhängende Junkers-Gastherme, Pavel Ševela / Wikimedia Commons — CC BY-SA 3.0

Eine Kolumne über Stabilität

„Freiheit im Heizungskeller" — so hieß eines der freundlichsten Versprechen der letzten Bundestagswahl. Kein Zwang, keine Vorschrift, jede:r heizt, womit sie will. Es klingt nach Selbstbestimmung. In Wahrheit ist es das Gegenteil: Es ist die Erlaubnis, beim Umbau des eigenen Hauses allein gelassen zu werden. Denn Freiheit nützt nur dem, der weiß, woran er ist. Wer nicht weiß, ob die Regel von heute auch morgen noch gilt, ist nicht frei — er ist verunsichert. Und verunsichert tut man am besten gar nichts.

Genau das ist, so unsere These, kein Versehen, sondern das Ergebnis. Wer die Wärmewende verunsichert, hält das fossile Bestandssystem am Laufen — ganz ohne es zu verbieten oder zu verteidigen. Man muss nur lange genug am Regelwerk wackeln.

Vier Mal die Regeln geändert — in drei Jahren

Schauen wir auf die Instrumente, mit denen Deutschland und die EU den Gebäude-Klimaschutz steuern. In rund drei Jahren wurde an jedem einzelnen gedreht:

Vier Instrumente, vier Kurswechsel, drei Jahre. Jeder einzelne Schritt war für sich begründbar — Krise, Wahlkampf, Sozialverträglichkeit. In der Summe ergibt sich eine Botschaft, die jede:r Hausbesitzer:in versteht: Warte ab. Was heute gilt, gilt vielleicht morgen nicht mehr.

Wer verunsichert ist, investiert nicht

Diese Botschaft hat Folgen, die man messen kann. Der Wärmepumpen-Absatz in Deutschland fiel von 356.000 Geräten im Rekordjahr 2023 auf 193.000 im Jahr 2024 — ein Minus von 46 Prozent. Der gesamte Heizungsmarkt schrumpfte ungefähr um die Hälfte.

Ehrlich bleiben heißt hier: Dieser Einbruch hat mehrere Ursachen. 2023 war ein durch die Verbotsdebatte künstlich vorgezogener Rekord, Anfang 2024 stockte die Förderung, dazu kamen Zinsen und Baukrise. Die Verunsicherung war nicht die alleinige Ursache — aber sie war der rote Faden, der durch alle anderen läuft.

Die Ökonomie kennt das Muster. Wer eine teure, kaum rückgängig zu machende Investition vor sich hat, für den steigt mit jeder Unsicherheit der Wert des Wartens. Abwarten ist dann nicht Trägheit, sondern eine rationale Reaktion auf eine Politik, die sich nicht festlegt. Man bestraft die Vorsichtigen nicht — man macht das Vorsichtigsein vernünftig.

Niemand vertraut darauf, dass die Rahmenbedingungen nicht jedes Jahr geändert werden. Und genau das ist der Trick: Wer zögert, ändert nichts — und das fossile Bestandssystem läuft einfach weiter.

Cui bono — wem nützt der Stillstand?

Die alte Gasheizung im Keller braucht keine Entscheidung. Sie läuft weiter, solange man sich nicht entscheidet. Jede verschobene Investition, jede abgewartete Förderrunde, jedes „erst mal schauen, was die nächste Regierung macht" ist ein stiller Sieg für das System, das schon da ist. Stillstand hat einen Gewinner, und es ist nie das Neue.

Dazu kommt eine politische Mechanik, die niemand offen ausspricht: Sichtbare Preiserhöhungen an der Tankstelle oder auf der Heizkostenabrechnung sind in der aktuellen Stimmungslage Gift. Kein:e Politiker:in will diejenige sein, unter deren Namen der Spritpreis steigt. Also wird der CO2-Preis gedämpft, der ETS2-Start verschoben, das Gesetz entschärft. Sozial nachvollziehbar im Einzelfall — in der Summe ein Stillhalteabkommen mit dem Status quo.

Der Kontrast: ein Mechanismus, der sich nicht jedes Jahr ändert

Warum schreiben wir, eine Initiative für die Erweiterung des §13k EnWG, über Heizungskeller? Weil unser Vorschlag das genaue Gegenteil dieses Musters ist — und der Kontrast ist der eigentliche Punkt.

Wir fordern, dass in Stunden mit negativem Strompreis die preisunabhängigen Aufschläge an öffentlichen Schnellladesäulen automatisch ruhen. Kein Bundeszuschuss, der im nächsten Haushaltsstreit gekürzt wird. Keine Förderung, deren Bekanntheit verpufft. Keine Regel, die jedes Jahr neu verhandelt wird. Sondern ein selbstauslösender, haushaltsneutraler Mechanismus: Ist der Strom im Überfluss da und kostet an der Börse weniger als nichts, kommt dieses Signal unten an. Sonst nicht. Die Regel braucht keine politische Pflege, weil sie an den Markt gekoppelt ist, nicht an die Kassenlage.

Heute fließen jedes Jahr mehr als 9,4 Terawattstunden Wind- und Solarstrom ungenutzt ab, weil es in genau diesen Stunden zu wenige Abnehmer gibt. Das ist kein Stoff für noch eine Förderrunde mit Verfallsdatum. Das ist ein Strukturproblem, das eine Regel löst, die einmal gilt und dann gilt.

Das ist die Lehre aus dem Heizungskeller, übersetzt in unser Thema: Menschen handeln, wenn sie sich verlassen können. Verlässlichkeit ist keine Nebensache der Energiewende — sie ist ihr Treibstoff. Wer sie verspielt, rettet das Alte, ohne ein Wort dafür sagen zu müssen.

Quellen & Belege

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