Eine Milliarde fürs Nichtstun — TotalEnergies, Trump und der bezahlte Windkraft-Verzicht

Die amerikanische Hälfte: bezahlt fürs Aufgeben
Es klingt wie ein Fehler in der Tabelle, ist aber real. Am 23. März 2026 verkündeten das US-Innenministerium und der französische Energiekonzern TotalEnergies eine Vereinbarung: Die US-Regierung zahlt dem Konzern rund 928 Millionen Dollar dafür, dass er zwei bereits vergebene Offshore-Wind-Flächen zurückgibt. Geplant waren dort Windparks, die über eine Million Haushalte mit Strom versorgt hätten. Das Geld soll der Konzern stattdessen in Öl- und Gasförderung in den USA stecken.
Wie kam es dazu? Direkt nach Amtsantritt 2025 stoppte Donald Trump per Dekret neue Offshore-Wind-Genehmigungen. Ein Bundesgericht erklärte dieses Dekret im Dezember 2025 für verfassungswidrig. Statt den Rechtsweg weiterzugehen, wechselte die Regierung die Methode: Wenn man Wind nicht mehr verbieten darf, kauft man ihn weg. TotalEnergies war einer der ersten Konzerne, die das Angebot annahmen. Insgesamt summieren sich die Buy-offs der Regierung für die Stilllegung von Offshore-Wind nach Medienberichten auf rund zwei Milliarden Dollar.
In Washington regt sich Widerstand. Senator Sheldon Whitehouse hat eine Untersuchung der Zahlung an TotalEnergies eingeleitet; das Geschäft sei ein schlechtes für die Steuerzahler und für die amerikanische Stromversorgung — ausgerechnet in einer Zeit steigenden Strombedarfs. Denn während die Politik Wind abräumt, schießt die Nachfrage durch Rechenzentren und KI nach oben. Man bezahlt also dafür, dass Kraftwerke nicht gebaut werden, und sucht zugleich händeringend nach neuer Leistung.
Die deutsche Hälfte: Rückzug aus der Nordsee
Fast zeitgleich spielt sich auf der anderen Seite des Atlantiks die zweite Geschichte ab — mit anderen Vorzeichen, aber demselben Ergebnis. In den Jahren 2023 und 2024 hatte TotalEnergies bei Auktionen der Bundesnetzagentur drei Flächen in deutschen Seegebieten ersteigert, mit einer geplanten Gesamtleistung von rund 7,5 Gigawatt — für Gebote von fast acht Milliarden Euro. Jetzt will der Konzern wieder raus und die Flächen zurückgeben.
Der genannte Grund ist bemerkenswert — und für unsere Debatte hochrelevant: TotalEnergies nennt die „signifikante Verzögerung der Netzanschlüsse" als die eigentliche Hürde. Nicht der Wind fehlt, nicht die Technik, nicht die Genehmigung. Es fehlt die Leitung, die den Strom abtransportiert — und die liegt nicht im Verantwortungsbereich des Projektierers. Das Bundeswirtschaftsministerium hat klargestellt, dass eine vorzeitige Rückgabe der Flächen gesetzlich nicht zulässig ist. Auch der Konzern BP, der zwei weitere Flächen hält, wackelt Berichten zufolge.
Und eine kleine Pointe gehört dazu: Derselbe Konzern betreibt in Deutschland ein dichtes Tankstellennetz — und profitiert damit auch vom Tankrabatt, jener Spritpreis-Subvention aus Steuermitteln. Ein Öl- und Gaskonzern, der sich in den USA das Nicht-Bauen von Windkraft bezahlen lässt und in Deutschland an der subventionierten Zapfsäule mitverdient: Das ist kein Widerspruch, das ist das Geschäftsmodell.
Was wir daraus lernen — und was nicht
Es liegt nahe, daraus eine simple Geschichte zu machen: hier der böse Konzern, dort der böse Präsident. So einfach ist es nicht, und so wollen wir es auch nicht erzählen. Zwei nüchterne Lehren bleiben aber.
Erstens: Große Erzeugungsprojekte sind verletzlich. Sie hängen an Genehmigungen, an Renditeerwartungen, an politischen Großwetterlagen und — in Deutschland — am Tempo des Netzausbaus. Ein Konzern, der in den USA fürs Aufgeben bezahlt wird und in Deutschland am Netzanschluss verzweifelt, ist kein verlässlicher Pfeiler. Das ist kein Vorwurf, sondern eine Risikobeschreibung.
Zweitens — und das ist unser Punkt: Wir haben den Strom doch längst. Während sich die Welt über neue Großprojekte streitet, regeln wir in Deutschland an windigen, sonnigen Stunden Erneuerbaren-Anlagen ab — sie produzieren dann gar nicht erst, obwohl sie könnten. Es geht bei §13k nicht darum, ob irgendwo ein 7,5-Gigawatt-Windpark gebaut wird oder nicht. Es geht darum, den bereits vorhandenen Überschuss zu nutzen, statt ihn verfallen zu lassen.
Die §13k-Erweiterung ist eine binnenwirtschaftliche Maßnahme. Sie hängt nicht von einem Pariser Konzern ab, nicht von einem US-Dekret, nicht vom Ölpreis. Das Marktsignal kommt aus dem deutschen Stromgroßhandel, und die Wirkung kommt im deutschen Stromsystem an: In den Stunden negativer Preise wird der Überschuss an den Schnellladesäulen nutzbar — statt abgeregelt. Kein Konzern muss dafür eine Milliarde kassieren. Es braucht nur eine Festlegung der Bundesnetzagentur, die einen längst vorhandenen Hebel scharfstellt.
→ Hintergrund: NPR — Interior zahlt TotalEnergies ~1 Mrd. $ · US-Senat EPW — Whitehouse-Untersuchung · taz — Total und BP verlieren Interesse an Nordsee-Flächen
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